August Bebel begeisterte 1869 in Ravensburg die Arbeiter

Festakt in Weingarten zum SPD-Jubiläum – Erinnerung an einen Meilenstein in der oberschwäbischen Parteigeschichte
Am 16. November 1869 steigt in Ravensburg ein adrett gekleideter Herr mit Vollbart aus dem Zug. Es ist August Bebel, Drechslermeister aus Leipzig, geboren in Deutz bei Köln. Das Ziel des Mitbegründers der im gleichen Jahr in Eisenach aus der Taufe gehobenen „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (SDAP) und Abgeordneten im Reichstag des Norddeutschen Bundes ist das Gasthaus „Drei König“ in der Marktstraße. Dort hält der große Arbeiterführer Bebel, ein exzellenter Redner, im Ravensburger Arbeiterbildungsverein eine Versammlung ab und begeistert die Ravensburger Arbeiterschaft für die Sozialdemokratie.
Wenn die oberschwäbischen Sozialdemokraten des SPD-Kreisverbandes Ravensburg am Sonntag, 26. Mai, in Weingarten den 150. Jahrestag ihrer Partei, der mit Abstand ältesten aller demokratischen Parteien in Deutschland, gebührend feiern, wird sicher auch an den geradezu sensationellen Abstecher des berühmten Sozialdemokraten August Bebel ins kleine Ravensburg mit damals gerade einmal 8000 Einwohnern erinnert.

Dreigliedriges Schulsystem ist überholt

Der SPD-Ortsverein diskutierte in seiner letzten Sitzung ausführlich über das Modell „Schule in Gemeinschaft“, das bereits im Staatsanzeiger im März in einer Sonderbeilage der CDU-Landtagsfraktion erschien und jetzt endlich auf Antrag der SPD Gruppierung im Gemeinderat vorgestellt wurde. Ganz deutliche Unterschiede zum bisherigen dreigliedrigen Schulsystem mit allen Folgeproblemen konnten die Anwesenden nicht erkennen. Im Gegenteil: durch die Einführung von Praxisklassen, die eine Gruppe von SchülerInnen in eine bestimmte Schublade schiebt, wird es in Bad Waldsee ein viergliedriges Schulsystem geben. „Eine „richtige“ Gemeinschaftsschule will doch gerade die Schwächeren stärken und das geschieht über das längere gemeinsame Lernen. Eine umfassende Bildung muss unabhängig von der sozialen Herkunft möglich sein.“, so Emil Kaphegyi. In einer bunten vielfältigen Gesellschaft geschehe Bildung nicht nebenbei, so die einhellige Meinung. Bildung beginne nach Auffassung von Annette Uhlenbrock bereits ab dem ersten Lebensjahr in einer solidarischen Gemeinschaft und begleite junge Menschen idealerweise in verbindlichen Gemeinschaftsschulen bis zur Klasse 10 bzw.13. Die veränderten Familienstrukturen erfordern neue pädagogische Konzepte und Wege. Die Ein-Ernährer-Familie gehört mehrheitlich der Vergangenheit an. Immer häufiger müssen Familien-Mütter – insbesondere alleinerziehende - eine eigenständige Altersvorsorge treffen. Jede Investition in Bildung erspart mögliche Folgekosten. Sozialdemokraten in Bad Waldsee wollen diese präventive Aufgabe mit Nachdruck vorantreiben. Auch ein ehrenamtlich arbeitender Kinderschutzbund kann nicht die Mängel eines dreigliedrigen Schulsystem beseitigen. Ende Februar lautete die Überschrift eines Interviews mit der Vorsitzenden Bärbel Coatti in der Schwäbischen „Im Schulsystem gehen viele Kinder unter“. Dies gilt es gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und den politisch Verantwortlichen zu verhindern.

20.5.2013 Stellungnahme zur "Schule in Gemeinschaft" in Bad Waldsee

Hiermit nehme ich Stellung zum Thema „Schulen in Gemeinschaft", da die Gemeinderatssitzung am 6. Mai just bei diesem Punkt abgebrochen wurde und ich in der darauffolgenden Sitzung am 13. Mai nicht anwesend sein konnte. Ich stelle den Ausführungen der Bad Waldseer Schulleiter meine persönliche Meinung gegenüber.

Nach der Darstellung der Schulleiter soll auf dem Döchtbühl auf lange Sicht ein zweigliedriges Schulsystem etabliert werden. Warum begibt man sich dann nicht gleich auf den Weg zur Gemeinschaftsschule? Die positive Folge wäre eine Zuteilung von mehr Lehrerstunden sowie finanzieller Mittel. Der Arbeitskreis, der gebildet werden soll, könnte sofort effektiver und konstruktiver arbeiten, da die Zielvorgabe „Gemeinschaftsschule" bekannt wäre. Übrigens forderte die SPD-Fraktion noch unter dem ehemaligen Stadtrat Kaphegyi einen Bildungsbeirat für Bad Waldsee.

In den Waldseer Lehrerkollegien hätte sich bis dato keine Mehrheit abgezeichnet für die Einrichtung der Gemeinschaftsschule mit dem Ziel längeren, gemeinsamen Lernens. Derzeit stehe noch kein speziell dafür ausgebildetes Lehrerpersonal zur Verfügung. Sowohl Hauptschul-, Realschul- als auch Gymnasiallehrer sollten durch ihr Studium sehr wohl fähig sein, GemeinschaftsschülerInnen zu unterrichten. Dazu ist es erforderlich, dass das Kultusministerium schnellstmöglich Fortbildungsmaßnahmen und innovative Konzepte für das „Gemeinsame Lernen" anbietet.

Des weiteren wird behauptet, Kinder verlören aufgrund von kognitiven Schwierigkeiten die Lust an Lernen und Schule. Diese Kinder seien in kurzer Zeit frustriert. Dies ist nur der Fall, wenn der Unterrichtsstil der PädagogInnen sich nicht für die neuen Formen des begleitenden Unterrichts öffnet. Schicken dann nicht frustrierte Eltern ihre Kinder an umliegende Gemeinschaftsschulen?

Enttäuschend ist, dass es die Regierung bisher versäumt hat, Konzepte und Strukturen für das Modell Gemeinschaftsschule bindend zu schaffen. Die „Bad Waldseer Schulen in Gemeinschaft" müssen der Prozess zu einer Gemeinschaftsschule sein. In dieser müssen Kinder und Jugendliche nach ihren Fähigkeiten und Begabungen unter „einem Dach" ihren Bildungsabschluss machen können. Dazu braucht es Pädagogen und Schulsozialarbeiter als Begleiter. Die „soziale Schere" fängt in den Köpfen an. In Zukunft dürfen sich LehrerInnen nicht mehr über ihr Gymnasial-, Realschul-, Grund-, Haupt- und Sonderschulstudium definieren, sondern müssen in erster Linie Pädagogen sein. Darum ist es die Aufgabe der Bad Waldseer Schulleiter, ihre KollegInnen für die Gemeinschaftsschule zu motivieren.

Rita König, SPD-Stadträtin

150 Jahre SPD

Sonntag 26. Mai 2013

Weingarten, Kornhaussaal, Karlstr. 28, Beginn 10:30 Uhr

Mit einem öffentlichen Festakt am 26. Mai in Weingarten begehen die Sozialdemokraten in Kreis Ravensburg den 150. Jahrestag ihrer Partei. Die Kreis- SPD nimmt das Jubiläum zum Anlass, sich auch speziell mit der Geschichte der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung in Oberschwaben zu beschäftigen. Die Veranstaltung findet vormittags im Kornhaussaal und nachmittags im Museum „Schlössle“ statt. Mit dieser Veranstaltung will die Kreis-SPD nicht nur ihre Mitglieder und Anhänger, sondern auch politisch und regionalgeschichtlich interessierte Bürger ansprechen.

In seinem Festvortrag wird Prof. Dr. Wolfgang Marcus an ein dunkles Kapitel unserer deutschen Geschichte erinnern, deren Aufarbeitung bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Er wird den Spuren der Verfolgung von Sozialisten durch das Nazi- Regime in Oberschwaben nachgehen. Zuvor wird der Bundestagskandidat der SPD, Hannes Munzinger, über seine Vorstellungen von einer Sozialdemokratie sprechen, die sich auf Augenhöhe mit der Gegenwart befindet und Antworten auf die Fragen der Zukunft geben kann. Für die musikalische Umrahmung sorgt Barny Bitterwolf mit Liedern aus der Revolution von 1848.

„Die Nazis kamen für die große Masse nicht als Teufel“

Spaten statt Gewehre: Nicht zuletzt die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen brachten den Nazis Sympathien ein.

Emil Kaphegyi erklärt zum Abschluss der SZ-Serie „Waldsee wird braun“, warum die Nazis so eine breite Unterstützung erfuhren
Bad Waldsee / sz Auf der Basis von Emil Kaphegyis Aufsatz „Das Jahr 1933: Auch Waldsee wird braun“, erschienen 1983 und ein Jahr später in gebundener Form im Buch „Bad Waldsee – Zeugnisse aus Zeit und Zeitung“, hat die SZ in einer vierteiligen Serie den Weg zur braunen Kleinstadt nachvollzogen. Im abschließenden Interview mit Kara Ballarin berichtet Kaphegyi davon, was ihn an der damaligen Entwicklung selbst überrascht hat und wie die breite Akzeptanz der Nazis in der Gesellschaft so „schnell und sauber“, wie er sagt, vonstatten gehen konnte.

Herr Kaphegyi, in unserer Serie haben wir die unterschiedlichen Bereiche beleuchtet, in denen die Nationalsozialisten 1933 in Waldsee die Macht erlangten – politisch, gesellschaftlich sowie im Bereich der Kirche. Steht Waldsee stellvertretend für andere Kleinstädte?

Meine Fragestellung und Absicht war es ja, Waldsee als Musterbeispiel für das Braunwerden und das Vorgehen der NSDAP zu beleuchten. Es gibt kleine Unterschiede. Blickt man nach Schussenried, sieht man zum Beispiel, dass dort sehr früh der Schlossplatz in Hindenburgplatz und die Hauptstraße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt wurden. In Waldsee hat sich das Zentrum nicht ganz so krass den Nazis angebiedert. Allgemein aber glaube ich, dass das Vorgehen in Waldsee beispielhaft ist für eine kleine Stadt, vor allem für das katholische Oberland.

Wie Sie betonen, liegt Ihr Interesse gerade in der Anfangszeit, im Emporkommen der Nazis im Frühjahr 1933.

Das ist die spannendste Zeit. Auch Adenauer hat später gesagt: Am Anfang wäre noch etwas möglich gewesen, später nicht mehr. Dass der Umbruch so schnell und geräuschlos passieren konnte, führe ich darauf zurück, dass in Kleinstädten die Kirche einen viel größeren Einfluss auf die Gesellschaft hatte als in Großstädten.

Über die Rolle der katholischen Kirche haben wir im vierten Teil unserer Serie gesprochen. Wie stand es eigentlich um die evangelischen Theologen zu der Zeit?

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