Piusbrüder scheitern mit Schulplänen im Oberland

Veröffentlicht am 06.08.2010 in Presseecho

Nach Anwohnerprotesten muss die Priestervereinigung eine Bauanfrage in Aitrach zurückziehen.

Die erzkonservative Piusbruderschaft ist mit ihrem Vorhaben gescheitert, in der Gemeinde Aitrach (Kreis Ravensburg ) eine private Grundschule zu errichten. Ende Juni hatte die Bauvoranfrage eines Vereins namens Prager Jesuskind, hinter dem die Piusbrüder stehen, den Aitracher Gemeinderat beschäftigt und teilweise in Aufruhr versetzt.

Die Priesterorganisation plante den Kauf eines aufgegebenen landwirtschaftlichen Gebäudes nebst Grundstück mitten im Ort. Dort sollte eine Grundschule entstehen. Die Anfrage zog bald Kreise. Christoph Bayer, der kirchenpolitische Sprecher der Landes- SPD, warnte öffentlich vor einer Schulgenehmigung, weil damit „eine Plattform für Ausfälle gegen andere Religionen“ geschaffen werde. Der Biberacher SPD - Bundestagsabgeordnete Martin Gerster forderte: „Die Eltern und Bürger in Aitrach müssen sicher sein, dass in Schulen verfassungs- und demokratiegemäße Inhalte gelehrt werden.“ Die Politiker verwiesen erneut darauf, dass die Leugnung des Holocausts durch Richard Williamson, Erzbischof der Piusbrüder, nur die Spitze eines Eisbergs darstelle. Auch der deutsche Distriktobere Pater Franz Schmidberger und dessen österreichischer Kollege Helmut Trutt seien mit „heftigen Ausfällen“ gegen den Islam und das Judentum aufgefallen.

Die Piusbrüder betreiben bereits zwei Grundschulen in Baden-Württemberg. Eine befindet sich in Riedlingen (Kreis Biberach), die andere im 1000-Einwohner-Dorf Haslach, das wenige Kilometer von Aitrach entfernt liegt.

Wie der in Memmingen für die Piusbrüder tätige Pater Wolfgang Dickele sagt, hätte die Aitracher Schule den Standort Haslach ersetzen sollen. Für „zwanzig bis dreißig Schüler“ wolle man Platz finden. In Haslach waren in einem 2008 bezogenen umgebauten Wohnhaus im vergangenen Jahr acht Grundschüler unterrichtet worden. Der Privateinrichtung war jedoch keine Ruhe beschieden, auch hier war es die SPD-Landtagsfraktion, die verfassungsfeindliche Umtriebe witterte.
Ein Sprecher der Vereinigung Pius X. in Stuttgart konterte vor Monaten mit dem Vorwurf der „politischen Hetzkampagne“. Der Innenminister Herbert Rech (CDU) hatte Forderungen nach einer Überwachung
durch den Verfassungsschutz, wie sie beispielsweise vom Zentralrat der Juden erhoben werden, eine Absage erteilt. „Wir sind kein Überwachungs- und kein Polizeistaat“, sagte der Minister 2009. Stattdessen hat das zuständige Schulamt mehrfach die Unterrichtsinhalte überprüft, laut dem Pater Dickele stets ohne Beanstandung. „Wir haben immer am Bildungsplan Baden-Württemberg festgehalten.“Auf die Gründe, weshalb das Bauvorhaben in Aitrach scheiterte, wollen die Piusbrüder nicht näher eingehen. Es habe „in der Bevölkerung in Aitrach große Emotionen gegeben“, bestätigt Dickele lediglich. Er fügt hinzu: „Ich kann mir das gar nicht erklären.“ Kein Wort zu einer Liste mit Protestunterschriften besorgter Aitracher Bürger oder zu den Vorwürfen auf Landesebene. So war es auch nicht die Glaubensvereinigung, die womöglich zum Nachdenken gekommen wäre und den Rückzug eingeleitet hätte. Der Grundstücksverkäufer habe sein Angebot nicht weiter aufrechterhalten, bestätigt Dickele. „Weil der Druck so groß war.“ Die Piusbrüder wollen nun einen neuen Schulstandort suchen, weiterhin in der Nähe von Haslach, damit die Eltern der Schüler nicht allzu weit fahren müssen. Wo, wird nicht verraten. Aber es wird wieder ein Ort irgendwo an der bayerisch-baden-württembergischen Grenze sein, weit entfernt von den Metropolen und bissigen Sozialdemokraten.

Stuttgarter Zeitung vom 31. Juli 2010

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